Der Heuhaufen

Als ich jung und unbedarft war, hatte ich die Idee, dass wenn man Bücher läse, ihr Gehalt sich ablagerte, wie auf einem Heuhaufen.

Fibern der Gedanken.

Fasereiweiße des Gerüsts,
an dem sich die Ideen der Autoren empor gerankt hatten.

Der Heuhaufen wuchs.

Manchmal duftete er süß und verlockend.

Zu anderen Zeiten krochen mir die trockenen Halme in's Genick und juckten auf der Haut.

Ich glaubte,
die Masse an Heu würde irgendwann

fermentieren,
transmutieren,
assoziieren,

etwas Neues gebären.

Vielleicht eine sommergrüne Wiese mit karierten Blumen,
deren Blütenblätter zu Boden fallen,
versteinern,
sich zu einem klaren Terrazzo verdichten,
auf dem die Tropfen des Morgentaus glänzen,
und die Welt in präzisen Farben widerspiegeln.

Oder ein wuscheliges Schaf,
mit fliederfarbener Wolle,
das in seiner trägen Abendsattheit
plötzlich
die Wurzel von Allem herauszupft,
einen Ginseng,
der den Dschungel der Theorien klärt.

Oder einen Schwarm grünmetallischer Mörderbienen,
die schwärmen in der Hitze des Tages,
durch Maschendrähte dringen,
mit ihrer fremden, scharfen Schwarmintelligenz,
eine Weide identifizieren,
auf der die blauen Blumen noch nicht abgenagt wurden.

Ideen,
Anderes,
Fremdes,
Neues,

was noch niemand zuvor

gedacht,
erfunden,
entdeckt,
erforscht hatte.

Die Jahre vergingen.

Manchmal vergaß ich den Haufen.

Und wenn ich ihn prüfte,
lag er still da,
häufte sich
und schwieg.

Nichts passierte.

Das Heu trocknete,
setzte sich,
staubte manchmal ein wenig, so daß ich niesen musste.

Aber sonst,
Nichts.

Ich hatte mich geirrt.

Am Ende war es doch nur ein ganz gewöhnlicher Heuhaufen,
zum drin schlafen,
zum Verfüttern an die Schafe im Winter.


Aber in letzter Zeit,
scheint mir,
es flackert manchmal was.

Manchmal glüht ein Funke unbekannter Herkunft,
steckt etwas an, das nicht als Zunder gedacht war.

Ein Halm fängt zögerlich an zu schwelen.
Gibt hauchdünne, verschleierte Rauchzeichen.

Der Rauch steigt in den kalten, blauen Himmel auf,
langsam sich drehende Wirbel.

Partikel für Partikel

treibt davon,

vereinzelt sich,

verliert sich,

allein mit sich selbst,

in der Weite des dunklen, schwarzen Alls.


Kosmischer Staub.