Die Existenzbedingungen der Bevölkerung

Ich fragte mich heute ernsthaft, ob ich wahnsinnig werde. Es soll ja vorkommen, das Angehörige einer Weltuntergangssekte eine gestörte Wirklichkeitswahrnehmung entwickeln. In den Zeitungen und auf den Plattformen der Netzmonopole wird euphorisch über die Symptome der Welt geschrieben. Zumindest über ein oder zwei davon, jeweils. Und einige innovative Denkerinnen fassen die Symptome fest ins Auge und schreiben mutig über die Kur: Mehr Wachstum und Konkurrenz, um mit der so angeblich wachsenden Innovation und Leistungsfähigkeit die Folgen des Wachstums, der Konkurrenz und der, ja, Innovation zu behandeln. Industrie und das sich erstaunlicherweise selbst vermehrende Geld, wenn man genug davon hat, waren ja auch Innovationen.

Wenn mir die Diagnose zu den Symptomen offensichtlich erscheint, den vielen anderen aber nicht, was sagt das über meinen Geisteszustand? Er ist abnorm. Woher nähme die Normalität ihre normative Kraft, in deren Bann alle stehen, wenn sie nicht eine starke Grundlage in der Realität hätte? In der Realität, in der morgen ein ganz normaler Arbeitstag ist, oder zumindest die Beraterin der Arbeitsagentur einen Telefonanruf angekündigt hat — eben die Existenzbedingungen der großen Mehrheit der Bevölkerung, von denen man in den 80er Jahren noch sprechen oder sich gar in Grundsatzprogrammen gegen sie wenden konnte.1 In der Normalität sind diese Existenzbedingungen das Naturgesetz, das Geht-nicht-anders.

Die Diagnose, dass jemand die Bedingungen bestimmt hat, und dass dieser jemand wir selbst sind, ist, was ... undenkbar? grausam? wahnsinnig? Die kleine Minderheit, die sich auf Straßen setzt und den Verkehr blockiert, oder meinetwegen auch die, die in obskuren Blättchen schreibt,2 ist in der Tat grausam. Sie fordert von der großen Mehrheit, das Undenkbare zu denken. Wer das Undenkbare denken kann, muss wahnsinnig geworden sein. Eine unangenehme Denkstörung. Das Immunsystem der Normalität läuft an. Ein neues Symptom: Zum Fieber des Planeten gesellt sich das Fieber der entzündeten Normalität. Prognose: ungewiss.


  1. Die Grünen: Das Bundesprogramm von 1980, 2. Aufl. Volltext bei 100(0) Schlüsseldokumente zur deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert, Bayrische Staatsbibliothek. 

  2. Bernhard Trautvetter: Grün verpackter Deal. Ossietzky, Nr. 4, 2022. URL https://www.ossietzky.net/artikel/gruen-verpackter-deal