Iphigenie, das Mitleid und der Krieg

Als die Griechen gen Troja segelten, war ihre Motivation nicht, Helena zu befreien. Nach allem was man hörte, hatte Helena gar kein Bedürfnis nach Befreiung. Sie entschied sich, mit Paris zu gehen. Im Denken der Griechen war ihre Entscheidung irrelevant. Relevant war nur die Bereitschaft von Paris, Helena mit sich zunehmen. Und das Mitnehmen war für die Griechen ein Verbrechen, ein Eigentumsdelikt. Die Griechen sahen sich eines ihrer Besitztümer beraubt und dürsteten nach Rache.

Der Aufbruch nach Troja hatte jedoch heftigen Gegenwind aus einer unerwarteten Richtung. Die Schiffe lagen bereit, die Krieger waren versammelt und schlugen begeistert ihre Speere gegen die Schilde. Agamemnon, ihren Feldherrn, drängte es danach, seine kriegerischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Nur, der Wind war ungünstig. Die Boote kamen nicht aus dem Hafen.

Kalchas, der Seher des griechischen Heers, und damit ein früher Vorläufer der Geheimdienste und Think Tanks, hatte Intelligence über die widrigen Winde. Agamemnon hatte sich im Reich der Artemis an einer Hirschkuh vergangen. Die Natur war verletzt. Die Konsequenz war ein Starkwetterereignis, das auf Ursachen beruhte, für welche die Griechen selbst verantwortlich waren.

Götter werden durch Opfer besänftigt, räsonierte Kalchas, folglich müsse man Artemis ein geeignetes Opfer anbieten. Ein Opfer musste her. Und was bot sich als ernst zu nehmendes Opfer mehr an, als die Tochter des frevelhaften Feldherrn, Iphigenie. Dem Feldherrn erschien die Intelligence über das Opfer keineswegs zweifelhaft. Er hatte keine Skrupel. Ein Krieg erfordert Opfer. Da durfte man nicht zimperlich sein.

Artemis, die verletzte Göttin, hatte wohl Mitleid mit Iphigenie, der Tochter, deren Opfer die Dinge wieder richten sollte. Für Artemis war Iphigenie nicht weniger unschuldig als die Hirschkuh, welche Agamemnon schon zuvor getötet hatte. Nur, Agamemnon hatte die Kräfte der Natur aufgebracht. Sein zerstörerisches Werk hatte Folgen, die ihren Lauf nahmen und keine Rücksicht für Mitleid kannten. Bei allem Mitleid war Artemis auch eine strenge, unnachgiebige und grausame Göttin. Warum sollte man annehmen, dass sie Agamemnon eine weitere Hirschkuh als Ersatz opfern ließe, ein nicht weniger unschuldiges Opfer als Iphigenie eins war?

Man darf davon ausgehen, dass Agamemnon zur Tat schritt. Schließlich ging es um Krieg und Rache und Ruhm und Ehre. Iphigenie war die erste Leiche dieses Krieges, über die zu gehen war. Die erste Leiche, aber sicher nicht die letzte.

Warum auch immer der Wind sich legte, er legte sich. Als Agamemnon und die Krieger in die See stachen, schnitten die Kiele durch rotes Wasser im Licht der Abendsonne nach dem Sturm. Das Opfer der Iphigenie war bereits vergessen.