Textanalyse

"Der gute Hirt als Gegenbild zu Dieben und Räubern"1, eine Textanalyse.

1 Amen, amen, das sage ich euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und Räuber. 2 Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe. 3 Ihm öffnet der Türhüter [...] 4 Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus, und die Schafe folgen ihm [...] 6 Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte.

7 Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen. 8 Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber [...] 9 Ich bin die Tür, wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden. 10 Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.

Wer ist der Sprecher des Textes? Ein allwissender Erzähler, oder war die Verwirrung (6) der Zuhörer offensichtlich? Wer ist der Sprecher in der Geschichte, dort Jesus (6-7) genannt? Wer sind die verwirrten Zuhörer (6)? Wer ist der Türhüter (3)? Wenn in der Auslegung (7-10) der Sprecher Jesus die Tür ist (7), wer war dann der Schafhirte, der durch die Tür hineinging (2)? Wo ist der Schafhirte hinverschwunden nachdem er die Schafe hinausgetrieben hat (4)? Wohin sind die Schafe ihm gefolgt (4)? Wenn der Sprecher Jesus die Tür zu den Schafen ist (7), wer geht durch sie hindurch, um zu den Schafen zu gelangen? Wenn nicht die Diebe und Räuber (1, 8, 10), die anderswo einsteigen (1)? Draußen sind die Weiden (9), was ist im Stall (1)? Wovor werden die Schafe gerettet, wenn sie hineingehen (9)? Besteht nicht im Stall die Gefahr der Diebe und Räuber? Wo kann man dort anderswo einsteigen, wenn nicht durch die Tür? Was wollen die Diebe und Räuber stehlen und rauben (10)? Wofür brauchen sie es? Was wollen sie schlachten und vernichten (10)? Warum wollen sie das? Und vor allem: Wer sind die Diebe und Räuber? ... Ich würde sie gerne kennenlernen.


p. s. Ahhhh, Kontext. Elemente einer Kommunikationssituation, die das Verständnis mitbestimmen.

Die Adressaten des Texts wussten, dass die Zuhörer darin die Story bereits kannten und sie persönlich nahmen. Die Versprechung der Story war gewesen: Jetzt will ich meine Schafe selber suchen und mich selber um sie kümmern. Und sie war nicht erfüllt worden. Eine Neuauflage hatten die Zuhörer in dieser Form nicht erwartet. Kein Wunder, dass sie verwirrt waren.

Wieder wurde ihnen gesagt, sie seien persönlich angesprochen, mit ihrem Namen gerufen. Neue Hoffnung keimte auf. Und wuchs.

Doch der entstehende Aufruhr endete schmerzlich. Mit einer brutalen Exekution.

Nur die Hoffnung war zu groß geworden, um sie wieder fahren zu lassen. Der Rädelsführer durfte sterben, aber nicht vergeblich. Die Exekution wurde umgedeutet in ein Gnadengeschenk, das Leben in Fülle in ein Nachleben in Fülle. Der Aufruhr wurde zur Institution.

Und 1000 Jahre später waren die Anführer der Institution selbst die Diebe und Räuber. Und 2000 Jahre später waren die Anführer in den Schatten gestellt von noch größeren Dieben und Räubern. Ich brauche sie nicht kennen lernen, ich kenne sie bereits. Im 2021sten Jahr heißen sie Jeff Bezos (177 109 $), Elon Musk (151 109 $) und Bernard Arnault (150 109 $).

Der instituionalisierte Aufruhr versucht immer noch, hilflos, Hoffnung zu verbreiten.

Ich wünschte mir fast, ein bitteres Lachen zu hören. Es würde das Blöken der dürstenden Schafe im Stall übertönen.


p. p. s.

Tut ab die Heiligkeit, werft weg das Wissen,
so wird das Volk hundertfach gewinnen.
Tut ab die Sittlichkeit, werft weg die Pflicht,
so wird das Volk zurückkehren zu Kindespflicht und Liebe.
Tut ab die Geschicklichkeit, werft weg den Gewinn,
so wird es Diebe und Räuber nicht mehr geben.
In diesen drei Stücken
ist der schöne Schein nicht ausreichend.
Darum sorgt, daß die Menschen sich an etwas halten können.
Zeigt Einfachheit, haltet fest die Lauterkeit!
Mindert Selbstsucht, verringert die Begierden!
Gebt auf die Gelehrsamkeit!
So werdet ihr frei von Sorgen.2



  1. Johannes: Der gute Hirt als Gegenbild zu Dieben und Räubern. In: Das Evangelium nach Johannes, mündl. Überl. ca. 100 n. Chr, Red. u. Niedersch. verschiedene Manuskriptausg. [Verfasser unbekannt], Zusammenführ. u. Kanonis. Konzilien Hippo 393, Karthago 397, Kanonif. Papst Damasus I 405, Überarb. und Übers. Wilfried Barmer et al. 1962-1980, Revis. Bischof Eduard Schick et al., Hrsg. Katholisches Bibelwerk, 1981. 

  2. Laotse: Tao Te King. Übers. Richard Wilhelm. Kreuzlingen : Heinrich Hugendubel Verlag, 2000, 18. -- Die Übersetzung von Richard Wilhelm erschien erstmals 1910 im Eugen Diederichs Verlag, Jena.