The Lee Shore

Another translation. A classic, this time. Herman Melville's Moby Dick, chapter 23.1

Das Ufer im Lee

Einige Kapitel zuvor wurde über einen gewissen Bulkington gesprochen, einen großen, neu gelandeten Seemann, angetroffen in New Bedford im Gasthaus.

Als in dieser fröstelnden Winternacht die Pequod ihren rachsüchtig geneigten Bug in die kalten, heimtückischen Wellen trieb, wen anders sollte ich an ihrem Steuer stehen sehen als Bulkington! Ich schaute mit geneigter Ehrfurcht und Furchtsamkeit auf den Mann, der in des Winters Mitte, eben gelandet nach vier Jahren einer gefahrvollen Reise, so rastlos wieder losziehen konnte für noch eine weitere stürmische Runde. Als ob das Land seine Füße versengte. Wunderbarste Dinge sind immer die Unaussprechlichen; tiefe Erinnerungen ergeben keine Gedenktafeln; dieses Kapitel von sechs Zoll ist das steinlose Grab Bulkingtons. Ich möchte nur sagen, dass es ihm erging wie dem sturmverworfenen Schiff, das unglücklich unter dem Wind am Land vorbeizieht. Der Hafen wäre geneigt Beistand zu geben; der Hafen ist mitleidig; im Hafen ist Sicherheit, Behaglichkeit, eine Herdstelle, ein Nachtmahl, warme Decken, Freunde, alles, was gütig zu unseren sterblichen Berdürfnissen ist. Aber in diesem Sturmwind ist der Hafen, ist das Land, des Schiffes ärgste Gefahr; sie muss aller Gastlichkeit entfliehen; eine Berührung des Landes, wenn sie auch nur den Kiel streifte, würde sie erbeben lassen, durch und durch. Mit all ihrer Macht drängt sie alle Segel, weg von der Küste; und indem sie dies tut, kämpft sie gegen eben jene Winde, die geneigt wären, sie heimwärts zu blasen; strebt sie erneut all der aufgepeitschten Grundlosigkeit der See entgegen; um der Zuflucht Willen stürzt sie sich einsam in das Wagnis; ihr einziger Freund ihr bitterster Feind!

Erkennst du es jetzt, Bulkington? Flüchtige Blicke scheinst du zu erhaschen von dieser unerträglichen Wahrheit; dass alles tiefe, ernsthafte Denken nichts ist als die furchtlose Anstrengung der Seele, die offene Unabhängigkeit ihrer See zu behalten; während die wildesten Winde des Himmels und der Erde sich zusammentun, sie auf das trügerische, unterworfene Ufer zu treiben?

Aber so wie der Grundlosigkeit allein die höchste Wahrheit innewohnt, uferlos, unbestimmt wie Gott – so ist es besser in dieser heulenden Unendlichkeit zu vergehen, als unrühmlich auf das Ufer im Lee zu stürzen, auch wenn dies die Sicherheit wäre! Denn wurmhaft dann, oh! wer würde feige so an Lande kriechen! Schrecken des Schrecklichen! Ist all die Qual so eitel und vergeblich? Fasse Mut, fasse Mut, O Bulkington! Halte durch, erbittert, Halbgott! Aufwärts aus der Gischt deines ozeanischen Untergangs – aufrecht aufwärts erspringt deine Gottwerdung!


  1. Herman Melville: The Whale. London : Richard Bentley, 1851 -- There's a well edited digital edition at Melville Electronic Library: https://melville.electroniclibrary.org/editions/versions-of-moby-dick/23-the-lee-shore