Wirklich ist, was existiert

Draußen rufen die Glocken zur Feier des neuen Jahrs. Dem Anlass angemesen beginne ich das Jahr 2022 n. Chr. mit der Lektüre eines Kirchenvaters.

Augustinus. Zwei Bücher mit Selbstgesprächen. Zweites Buch. "In welchem Augustinus ausführlich das Wahre und Falsche erörtert, so daß schließlich die Beständigkeit der Wahrheit gut verstanden ist und die menschliche Seele, welche der Sitz der Wahrheit ist, sich als unsterblich heraustelle" (Migne, 18411).

Kapitel V "Wirklich ist, was existiert", 72

Ratio: Und jetzt pass auf.

Augustinus: Okay.

Ratio: Das hier ist ein Stein, richtig? Er ist wirklich3, wenn er nicht anders beschaffen ist, als du ihn siehst. Wenn er aber nicht wirklich ist, dann ist das hier kein Stein. Dann existiert er nirgendwo, außer in der Wahrnehmung.

Augustinus: Ja.

Ratio: Tief in der Erde gibt es keine Steine. Es gibt überhaupt keine Steine, solange niemand sie wahrnimmt: Dieser Stein hier existiert nur deshalb, weil wir ihn anschauen. Und er wird nicht mehr existieren, wenn wir weggegangen sind und niemand sonst da ist und ihn anschaut. Wenn du deine Schließfächer gut zusperrst, dann wird nichts darin sein, egal wieviel du darin eingeschlossen hast. Holz ist auch überhaupt kein Holz in seinem Inneren. Denn was sich im Inneren eines völlig undurchsichtigen Körpers befindet und dadurch allen Sinnen entgeht, kann gar nicht erkannt werden. Nichts ist wirklich, wenn es nicht irgendwie so vorliegt, dass es wahrgenommen werden kann. Wenn etwas nicht wahrgenommen werden kann, dann ist es daher auch nicht wirklich. Oder siehst du das anders?

Augustinus: Ich kann das wegen der Zugeständnisse, die ich vorher gemacht habe, kaum bezweifeln. Aber wie überzeugend das auch immer sein mag, es ist so absurd, dass ich es lieber leugne, als zuzugeben, dass das so stimmt.

Ratio: Wie du meinst. Was du sagen willst, ist also dies: Dinge existieren auch, wenn sie durch die Sinne nicht wahrgenommen werden können; es gibt Wahrnehmung, ohne dass ein Subjekt4 anwesend ist; es gibt Steine und andere Dinge, die aber nicht wirklich real sind; oder das Reale selbst muss anders definiert werden.

Augustinus: Ich flehe dich an, genau so lass uns das machen.

[Abbildung 1: Antonio Rodríguez: San Agustin, Museo Nacional de Arte, Mexico City]

Wenn Augustinus die Absurdität der Welt nicht geleugnet, sondern akzeptiert hätte, dann wäre er vielleicht Existenzialist geworden. Er hätte Gauloises geraucht und eine schwarze Rollkragen-Soutane getragen. Anfangs sah es mit dieser Laufbahn auch ganz gut aus5. Aber dann beging6 er philosophischen Selbstmord7. Schade eigentlich.


  1. Jacques-Paul Migne (Hrsg.). S. Aurelii Augustini Hipponensis Episcopi Soliloquiorum Libri Duo. Paris, 1841, S. 869-904. Patrologia Latina (MPL), Bd. 32. Abrufbar unter: http://www.documentacatholicaomnia.eu/04z/z_0354-0430__Augustinus__Soliloquiorum_Libri_Duo__MLT.pdf.html 

  2. Manuel Gebauer (Hrsg. und Übers.). Augustinus in heutigem Deutsch. In: Pet a Cat [Blog]. 1. Januar 2022. Abrufbar unter: https://pac.myops.de/wirklich-ist-was-existiert.html 

  3. verum 

  4. anima 

  5. Augustinus, 1914. Bekenntnisse. Espenberger, Joh. Nepomuk und Hofmann, Alfred (Übers.). Des heiligen Kirchenvaters Aurelius Augustinus ausgewählte Schriften. Kempten, München : Kösel, 1914. Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 18. Zweites Buch, 1. Er erinnert sich seiner Jugend und ihrer Fehler, S. 26. Verfügbar unter: https://bkv.unifr.ch/de/works/4/versions/11 

  6. Augustinus, ebenda, achtes Buch, 12. Augustinus vernimmt eine unerklärbere Stimme und bekehrt sich daraufhin völlig, S. 183. Verfügbar unter: https://bkv.unifr.ch/de/works/4/versions/11/divisions/93404 

  7. Camus, Albert. Le Mythe de Sisyphe. Paris : Gallimard, 1942